Diabetes Typ 1 – Was nun? (2)

Den ersten Teil findet ihr hier.

Nun seid ihr dabei eure Krankheit besser kennen zu lernen, doch irgendwie spinnen die Werte trotzdem? Lasst euch davon nicht abschrecken!
Was mir anfangs sehr geholfen hat, ist der Gedanke „Du bist keine Maschine!“. Ja, ihr müsst euer gesamtes Leben jetzt erst einmal auf den Kopf stellen und überlegen, wie ihr am besten mit dieser Krankheit weiterleben könnt. Sie geht nicht mehr weg, wie eine Erkältung, daher muss ein Masterplan her! Aber wie sollt ihr den denn schmieden können, wenn immer wieder diese doofen schlechten Werte dazwischen funken?!

Nur um eins mal festzuhalten: Es gibt keine schlechten Werte.

Das mag euer Arzt vielleicht anders sehen, aber es ist für euch wichtig, dass ihr genau das wisst. Es gibt hohe Werte, es gibt niedrige Werte – es gibt aber keine schlechten Werte. Ihr müsst darauf aufpassen, dass die Werte nicht dauerhaft zu hoch oder niedrig sind, das ist das einzig „Schlechte“ was ihr da anstellen könnt. Okay? Gut, wenn das nun geklärt ist, kann es weiter gehen! 🙂

Ich habe im Krankenhaus schnell gemerkt, dass es nun zwei Wege gibt, die ich gehen kann.

  1. Mich in einer Ecke verkriechen und aufhören die schönen Dinge im Leben zu sehen.
  2. Das Monster in den Griff zu bekommen und weiter leben!

Ich habe mich für den 2. Weg entschieden und bereue es keine Minute. 
Wenn ich einen Tag mit hohen Werten habe und nicht herausfinden kann woran es liegt, dann hake ich diesen Tag für mich persönlich ab. Gehen meine Werte durch die Decke, weil ich das Essen falsch eingeschätzt habe? Oder spinnen die Werte, obwohl ich alles richtig gemacht habe? 
Letzteres wird euch mehr als einmal passieren. Und hier ist es ganz wichtig, dass ihr wisst: Es ist normal. 

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Quelle: Pixabay

Euer Körper ist ein Kraftwerk voller Hormone und anderen Stoffen. Habt ihr Stress produziert ihr u.A. Adrenalin, welches für einen Blutzuckeranstieg sorgt. Habt ihr eine Erkältung kann euch das die Werte ebenso verhunzen. Von dem Zyklus bei uns Weibchen will ich gar nicht erst anfangen! Und wenn ihr in der Pubertät steckt, ist es sowieso schnell vorbei mit stabilen Werten. Es gibt viel mehr als nur das Essen, was Einfluss auf den Blutzucker hat. Alles hier ausführlich zu beschreiben würde den Rahmen sprengen und ist in erster Linie für diesen Artikel auch gar nicht so wichtig. 
Dafür müsst ihr verstehen, dass es nicht eure Schuld ist, wenn gerade etwas schief läuft. Wenn ihr nach mehreren Korrekturen noch merkt, dass der Zucker nicht runter kommen möchte, nehmt den Druck da raus. Habt ein Auge auf die Ketone und trinkt genug. Ihr dürft in keine Ketoazidose rutschen, das ist in diesem Moment das Wichtigste. Es ist nicht gut, wenn ihr euch dann noch den Kopf zerschmettert und eventuell euch noch Vorwürfe macht!

Für mich ist an so einem Tag schnell klar, dass es „gelaufen ist“. Das bedeutet, dass ich lediglich schaue, dass meine Werte sich nicht noch verschlimmern und das war’s. Morgen ist ein neuer Tag! Über Nacht erholt sich der Körper ganz gerne, da ihr dann keine Einwirkungen von Außen, wie z.B. das Essen habt. Da ist ein guter Zeitpunkt um nochmals Korrektur zu spritzen und die Werte über Nacht im Auge zu behalten. 

Ihr werdet sehen, sobald ihr den psychischen Stress da raus nehmt, wird es entspannter und am nächsten Tag besser.

Da ich diese Blogreihe nicht nur für Patienten schreibe, möchte ich mich hiermit auch noch kurz an die Mitmenschen wenden. Es ist ganz egal, ob ihr Vater, Mutter, Schwester, Bruder oder ein Mitglied des Freundeskreises seid. Es ist wichtig, dass ihr euch ebenfalls im Klaren seid, dass es Tage geben wird, an denen die Werte einfach nicht so mitspielen. Vorwürfe oder Fragen, wie „Was hast du denn da wieder falsch gemacht?!“, sind eher kontraproduktiv!
Als Außenstehender kann man hierbei helfen, dass man den Diabetiker nicht aus den Augen verliert, d.h. die Blutzuckerwerte mit beobachtet. Aber bitte nicht auf die Art à la: „Du musst wieder messen!“. Wenn wir eine längere Zeit zu hohe oder niedrige Werte haben, können wir Diabetiker schon gerne mal aggressiver drauf sein (das ist wissenschaftlich belegt, ok?!). Hierbei wird es angenehmer sein zu sagen, „Wollen wir beide mal unsere Blutzuckerwerte checken?“ oder „Darf ich dich mal ab scannen?“ (Libre Nutzer wissen Bescheid 😀 ). Ich denke, ihr wisst auf was ich hinaus möchte.

Seht an hohen Tagen bitte nicht nur das Negative. Seid euch bewusst, dass dies völlig normal ist und jedem passiert. Achtet nur darauf, dass sie nicht zum Alltag werden – das geht schnell in die Hose!
Ruft euch ins Gedächtnis, dass der Tag gestern z.B. super lief! Oder, dass ihr das Eis letzte Woche gut eingeschätzt habt. Dass ihr schon X-Monate/Jahre mit dem teuflischen Begleiter lebt und was ihr bisher erreichen konntet, trotz des Diabetes! Da ist es ganz egal was, Hauptsache ihr verstärkt die positiven Dinge und bleibt nicht an diesem schlechten Tag hängen. ❤