Wenn der Diabetes mit im Gepäck ist – London 2019

Am 12.03 startete meine erste große Reise, bei welcher der Diabetes mit im Gepäck war. Ich bin zuvor zwar öfter mal nach Hause oder Berlin gereist, jedoch war es das erste Mal, dass es für mich in ein Flugzeug ging! Nun ist dem ein oder anderen ja bekannt, dass man keine Flüssigkeiten und spitzen Gegenstände mit in die Kabine nehmen darf, richtig? Da gibt es aber (zum Glück!) eine kleine Ausnahme für Medikamente.
Wie alles ablief und ob es irgendwelche Komplikationen gab, erzähle ich euch hier. 🙂

Ich habe dazu auch mein erstes richtiges YouTube Video gedreht – schaut es euch
hier an! (verzeiht mir meine strubbelige Frisur am Anfang 😀 )

Die erste große Umstellung für mich war wohl all meine Medikamente ins Handgepäck zu packen, denn es gilt die oberste Regel: Der Koffer kann verschwinden, du brauchst aber dein Insulin! Also, alles schön ins Handgepäck, das geht normalerweise nicht so schnell verloren.
Ich muss zum Glück nichts in diese 1l-Beutel packen, für Medikamente gibt es solche Regelungen nicht. Alles was ich benötige, ist ein Schreiben seitens meiner Ärztin, in welchem steht, dass ich Diabetikerin bin und diverse Dinge für meine Reise benötige. Das ist besonders wichtig, da ich auch spitze Gegenstände, wie meine Pennadeln und Lanzetten, mit mir herum trage. Kann ich mich nicht auf Nachfrage als Diabetiker ausweisen, könnte das unnötige Komplikationen bei der Sicherheitskontrolle geben.

Ich muss ehrlich zugeben, mir ging schon ein wenig der Stift 😀 Aber alles cool! Ich habe direkt gesagt, dass ich als Diabetiker Medikamente mit mir führe und auch gefragt, ob sie etwas als Bescheinigung sehen wollen – nö. Also alles durch die Kontrolle und fertig.
Auf dem Hinflug wurde lediglich meine Tasche raus gefischt und es wurde kurz gefragt, zu wem das gehört. Als ich mich meldete war die Sache dann gegessen.
Nach dem Scannen wurde ich nochmals an die Seite gewunken und eine nette Dame hat mich abgetastet. Ich vermute, weil man meinen Sensor am Arm gesehen hat. Sie wusste aber sofort was es ist, meinte zu mir nur: „Ah, tragen Sie einen Sensor?„, was ich mit einem Nicken bestätigte, und vorbei war es.
Merke: Wieder zu viel Schiss vor gar nichts.

Diabetiker Essen an Board?
Ach, so etwas brauche ich nicht. Mal davon abgesehen, dass es bei mir dieses Mal nur ein Kurzflug ist, werde ich auch auf meinem nächsten Langstreckenflug das ganz normale Essen bestellen. Warum gibt es dann solche Menüs? Ohne Garantie spreche ich die Vermutung aus, dass es hauptsächlich für Typ 2er gedacht ist. Das Menü beinhaltet weniger Kohlenhydrate, magereres Fleisch usw. Da das für mich sowieso keine große Rolle spielt, kann ich also ganz beruhigt das normale Essen zu mir nehmen.
Lediglich von dem Schätzen der Insulineinheiten und dem Spritzen bleibe ich an Board nicht verschont.

Wenn der Körper aufgeregt ist, ist es der Blutzucker auch…

Was war denn nun anders als sonst?
Ehrlich gesagt? Gar nichts. London hat dasselbe Klima, Essen und auch der Rest war nicht sonderlich anders als in Deutschland. 
Wenn ich mich bald auf meine nächste Reise mache, wird das schon ganz anders sein.. anderes Klima, Essen, Zeitverschiebung.
Dazu wird dann bestimmt ein ausführlicherer Blogpost kommen – seid gespannt!
Lediglich die Sicherheitskontrolle am Flughafen war etwas aufregend, man fühlt sich dann schon etwas besonders 😀

Vielen Dank für’s Lesen und ich wünsche euch noch eine schöne Woche!



Der Diabetes und seine Ursachen

Willkommen zu dem ersten Teil meiner neuen Diabetes-Reihe!
Ich werde öfter danach gefragt, was genau die Ursache meiner Erkrankung ist und, ob es nicht die gleichen Auslöser hat wie der Typ-2-Diabetes.
Leider, und das ist ein großes Problem (immer noch), wird der Typ 1 von dem 2er selten differenziert, dabei sind es zwei sehr verschiedene Krankheitsverläufe.

Ich bin niemand von denen, die sagt, dass diese zwei Krankheiten komplett verschieden sind. Denn es gibt Gemeinsamkeiten, wie z.B. das betroffene Organ und ein Teil der Therapiemöglichkeiten, allerdings gibt es auch sehr wichtige Unterschiede, welche leider zu oft vergessen werden.
Und, es ist oft der Fall, dass der Typ 1 in einen Topf mit dem Typ 2 geschmissen wird. Was ich damit meine?
„Ich hab Typ-1-Diabetes.“ – Oh, wirklich? Das hat meine Oma auch. Die darf jetzt keinen Zucker mehr essen.
Ja, doof für deine Oma, ich darf es allerdings schon.

Die genauen Unterschiede des Krankheitsverlaufs sollen heute allerdings nicht das Thema sein. Viel mehr soll es darum gehen, wie die Krankheit „entsteht“ und welche Gründe es dafür geben kann. Da die Ursachen für das Ausbrechen eines Diabetes von Typ zu Typ unterschiedlich sind, ist es umso wichtiger, dass man die wesentlichen Unterschiede kennt und versteht. Ich werde versuchen, es so klar wie möglich darzustellen – falls dennoch Fragen bleiben, bitte nachfragen! 🙂

Typ-1-Diabetes

„Die Abwehrzellen des Immunsystems greifen die Insulin produzierenden Beta-Zellen im eigenen Körper an und zerstören sie. Die Beta-Zellen befinden sich – zusammen mit den Alpha-Zellen, die das Blutzucker erhöhende Hormon Glukagon herstellen – in der Bauchspeicheldrüse. Dieses Organ, das in der oberen Bauchhöhle zwischen Magen, Milz und Leber liegt, gibt die Hormone Insulin und Glukagon direkt ins Blut ab.“*
Das ist ein kleiner Auszug der Website „Diabetes-Ratgeber“, welcher meiner Meinung das Ganze recht simple zusammenfasst. Jeder von uns hat (ok, mit wenigen Ausnahmen!) eine Bauchspeicheldrüse, welche Insulin und Glukagon produziert.
Wieso das Ganze jetzt passiert ist, kann man nicht genau sagen. Die genaue Ursache für den Typ 1 ist noch nicht erforscht worden. In geringer Zahl spielt die Vererbung eine Rolle, die Umweltfaktoren und wohl ein bisschen Pech?
Was aber ganz wichtig hier ist: Es kommt NICHT vom „zu viel Zucker essen und zu wenig Sport treiben“. Und das müsst ihr euch merken, was genau Beta-/Alpha-Zellen ist „good to know“, mehr aber auch nicht. Typ-1-Diabetiker können für ihre Erkrankung nichts.
Merke: Insulin senkt den Blutzucker; Glukagon lässt ihn steigen.
Bei mir steigt der Spiegel nur noch, da die Beta-Zellen nicht mehr funktionieren – GAR NICHT MEHR. Es ist eine Autoimmunkrankheit, wobei mein eigener Körper die Alpha-Zellen selbst zerstört, nicht der BigMac bei McDonalds.

(Den Typ-1b-Diabetes habe ich hier bewusst nicht angesprochen.)

Typ-2-Diabetes

Hier entwickelt der Körper eine sogenannte „Insulinresistenz“, was bedeutet, dass die Zellen des Körpers unempfindlich auf Insulin reagieren.
Übergewicht begünstigt diese Entwicklung, da Fettgewebe, Botenstoffe ausschüttet, die eine Insulinresistenz fördern.
Zunächst versucht der Körper, die Insulinresistenz zu überwinden, indem er mehr Insulin ausschüttet. In einem frühen Stadium des Diabetes ist der Insulinspiegel im Blut daher erhöht. Schließlich erschöpft die Insulinproduktion.* Die Bauchspeicheldrüse muss immer mit voller Power arbeiten und irgendwann wird sie an einem „Burnout“ leiden.
Wenn in eurer Familie bereits ein Typ-2-Diabetes auftrat, sind die Chancen, dass ihr selbst auch irgendwann einen entwickelt, begünstigt (Es gibt Quellen, die eine Wahrscheinlichkeit bis zu 60% prognostizieren).
Merke: Bei einem Typ-2-Diabetes produziert die Bauchspeicheldrüse weiterhin Insulin, welches vom Körper jedoch schwerer aufgenommen werden kann (Insulinresistenz). Dieser Zustand wird durch erhöhtes Gewicht, schlechte Ernährung und Vererbung begünstigt. In vielen Fällen kann der erkrankte Mensch noch selbst etwas dafür tun, dass der Diabetes abschwächt bzw. wieder ganz verschwindet: bessere Ernährung, mehr Bewegung, bewussterer Lebensstil.

Es gibt noch viele weitere Diabetes-Typen, welche ich jedoch bewusst hier nicht angesprochen habe. Ich selbst bin vom Typ-1-Diabetes betroffen, weshalb mich Sprüche wie „Du darfst den Kuchen doch gar nicht essen!“ dezent abnerven. Allerdings weiß ich, dass viele Menschen die Unterschiede nicht kennen und einfach das los plappern, was ihnen in den Medien unter „Diabetes“ vorgelebt wird (Ich war ja selbst einer davon).
Ich hoffe, dass euch diese kurze Zusammenfassung helfen konnte und ihr jetzt etwas belesener seid, was die Ursachen eines Diabetes angeht 🙂

Habt ihr weitere Ideen für diese Reihe? Dann lasst es mich wissen! Ich freue mich auf eure Kommentare, Nachrichten und Kritik.

*Quelle: https://www.diabetes-ratgeber.net

Neue Blog-Reihe

Hallo ihr da draußen!
Auf der Suche nach neuen Themen für meinen Blog, bin ich auf die Idee gekommen, eine eigene „Blog-Reihe“ zu starten.

Unter dem Namen „Der Diabetes und …“ möchte ich verschiedene Themen ansprechen, Fragen klären und Vorurteile aus dem Weg räumen, rund um die Krankheit – ganz egal welcher Typ.

Doch dafür benötige ich eure Hilfe! Ich bin nun mitten drin und bekomme so langsam ein Gefühl dafür, wie es so ist mit dieser Krankheit leben zu müssen. Aber was beschäftigt euch? Was denkt ihr so über den Diabetes – welche Vorurteile habt ihr? Gibt es etwas, dass für euch noch nicht gut genug erklärt oder behandelt wurde? Egal was! Ich bin über sämtliche Vorschläge, Fragen und Vorurteile „froh“ und freue mich darauf, sie mit euch thematisieren zu können.

Gerne könnt ihr unter diesem Beitrag ein Kommentar da lassen oder Kontakt über das Formular hier aufnehmen.
Ansonsten findet ihr mich noch auf Instagram oder Facebook.

Man sieht sich & „folgen“ nicht vergessen 🙂

Aus 2 wurden 9 Liter Wasser

Viele stellen mir die Frage „Hätte man es ahnen können?„.
Mir ist (rückblickend) aufgefallen, dass die Symptome schon früh aufgetreten, allerdings nicht ernst genommen worden sind.

Ich denke, es kennt jeder die weit verbreiteten Symptome wie Durst, Müdigkeit und Gewichtsverlust. Ich hatte jedoch das Problem, dass ich sie nicht so richtig ernst genommen habe und vor allem, ich konnte sie nicht richtig einordnen und deuten.
Mitte 2016 wurde bei der Blutabnahme ein erhöhten HbA1c-Wert festgestellt und mit dem Rat „gesünder zu essen und mehr Sport zu treiben“ wieder abgetan – „Das wird wieder. Keine Angst.“
(Kleiner Spoiler: Es wurde nicht wieder.)

Während ich mein Auslandsjahr in Korea verbrachte, wurde der Durst immer mehr. Angefangen hat es bei vielleicht 3 Litern am Tag.
Ich habe angefangen Gewicht zu verlieren… Aber das brachte ich mit der zunehmenden Bewegung in Verbindung und die Sommer in Korea haben zur Folge, dass man auch mehr Durst hat.
Kurz gesagt, ich fand für alles eine „Ausrede“, um es nicht mit dem Diabetes in Verbindung zu bringen.

Und dazu kamen noch Kaffee, Tee & andere Getränke

Zurück in Deutschland ging es schleichend weiter. Aus den 3 Litern wurden zunächst 5. Und irgendwann dann 7 oder sogar 9 Liter. Bitte, das ist nicht mehr normal! Und, falls es euch genauso geht, dann nehmt diese Warnzeichen bitte ernst! Kein gesunder Mensch hat ein Verlangen nach mehr als 4 Litern Wasser am Tag!

Das Gewicht wurde in Deutschland dann auch immer weniger. Insgesamt habe ich 20 Kilo abgenommen (kurz vor der Diagnose wog ich 65kg auf 1.84m). Meine Freunde fragten mich nach meinem Geheimnis – wie kann ein normaler, gesunder Mensch so schnell so viel Gewicht verlieren und gleichzeitig Unmengen an Süßkram in sich hinein fressen?!
Und genau da ist der Punkt, ich bin nicht gesund!

Und da kommen wir schon zu dem nächsten Punkt, ich habe Unmengen an Süßkram gefressen – schöner kann man das wirklich nicht beschreiben.
Mehrere Tafeln Schokolade am Tag und ich hatte immer noch Hunger auf mehr! Im Nachhinein auch wieder klar, der Körper hat versucht irgendwie an seinen Zucker bzw. die Energie zu kommen, die wurde aber leider über die Niere und den Urin ausgeschieden. Ihr kennt das bestimmt, den berüchtigten Heißhunger? So ging es mir quasi 24/7.

Bei jedem Menschen äußert sich diese Krankheit anders, vieles ist aber oft gleich: Durst & Gewichtsabnahme.
Falls ihr bei euch bemerkt habt, dass ihr vermehrt trinken müsst und auch nachts auf’s Klo rennt und direkt „nachtrinken“ müsst, dann lasst euch durch checken!
Ignoriert die Symptome nicht, so wie ich es tat. Und lasst es vor allem nicht so weit kommen, wie bei mir letztendlich: zur Ketoazidose. Dahin wollte ihr nicht, das kann ich euch versichern. Ein kurzer Bluttest reicht – ihr müsst nicht einmal zur Blutabnahme, viele Apotheken machen einen Schnelltest!

Also, um meine Frage vom Anfang zu beantworten: Ja, man hätte es ahnen können. Diese Wassermenge ist nicht normal und spätestens als ich aussah wie eine ausgetrocknete Leiche hätte allen sofort klar sein müssen, dass es KEINE Grippe ist.

Habt ihr weitere Fragen zu mir oder meinem dunklen Begleiter? Schreibt mir gerne ein Kommentar, Mail oder schaut auf meinem Instagram Account vorbei! 🙂

Alles nur ein Traum?

Irgendwann wachst du auf, und es ist alles nur ein böser Traum gewesen.
Irgendwann wachst du auf, und kannst so viel essen, ohne direkt an Mathe denken zu müssen.
Irgendwann wachst du auf, und musst dich nicht mehr fünf Mal am Tag selbst spritzen.

& irgendwann wache ich auf, und ich muss keine Angst mehr um meine gesundheitliche Zukunft haben: Wo bekomme ich mein Insulin her? Wer zahlt es? Wird mich die Krankenkasse annehmen? Wer setzt mir, im Falle einer schweren Hypoglykämie, die lebensrettende Spritze und holt mich zurück? Warum kann man nicht einfach Bauchspeicheldrüsen transplantieren und es funktioniert wieder alles einwandfrei?

Hätte man es vorbeugen können? Hätte man es ahnen können? Seit wann schlummert diese tödliche Krankheit in mir? Was, wenn ich vor 80 Jahren gelebt hätte, das wäre mein Todesurteil gewesen. Wäre mein Leben ganz anders verlaufen, wenn man es früher bemerkt hätte? Hätte, hätte, Fahrradkette.

Ist das Leben jetzt überhaupt noch lebenswert? Wie kann ich jemals das Essen genießen, wenn der erste und wichtigste Gedanke nur das Insulin ist? Werde ich denn jemals wieder essen können, ohne an Zahlen, Dreisatz und Konsequenzen denken zu müssen? Was passiert, wenn ich die Mahlzeit unter- oder sogar überschätzt habe? Warum ist es so unangenehm, in einem Restaurant nach der Menge des Reis oder der Nudeln zu fragen? Was soll dieser Blick? Kann man nicht einfach kurz in der Küche nachfragen und es mir nicht noch unangenehmer machen, als es eh schon ist?

Wieso darf ein gut eingestellter Mensch* nicht mehr den Beruf eines Piloten oder Stewardess ausführen? Es kann doch jedem passieren, dass er in Notfallsituationen plötzlich nicht richtig reagieren kann – was hat das mit meiner kaputten Bauchspeicheldrüse zu tun? Wieso muss ich wegen dieser Krankheit jetzt meinen Traum aufgeben? Und wieso bekomme ich dann nicht einmal den mir zustehenden Behinderungsgrad angerechnet?
Ich darf bestimmte Dinge nicht mehr tun, aber bekomme keine Entschädigung für Stunden beim Arzt, Stunden des Berechnen, des Spritzens. Bekomme die Anerkennung für meinen täglichen Kampf nicht – nur die abwertenden Reaktionen auf die Krankheit „Diabetes“.

Es liegt nicht am meinem Handeln! Ich konnte es doch nicht aufhalten, oder etwa doch? Warum bestraft ihr mich mit Sätzen wie, „Dann musst du jetzt einfach mehr Sport machen und dich fit halten. Dann wird das wieder.“

Verdammt! NEIN! Es wird nicht wieder!

Warum ich?

Ein kurzer Auszug aus meinen Gedanken, die mich täglich beschäftigen.

*unter „gut eingestellt“ versteht man Patienten, die ihren Blutzuckerwert im Rahmen des „Normalen“ halten und gut auf plötzlich auftretende Situationen (z.B. Über- /Unterzuckerung) reagieren können. Die Faktoren entsprechen der benötigen Insulinmenge und er erfährt keine weiteren Einschränkungen im Alltag, als ein gesunder Mensch es tut.
Beitragsbild: Diabetes.co.uk

Mein erster HbA1c-Wert

Am 03.12. hatte ich mein erstes offizielles Arztgespräch als Diabetikerin. Dort werden, neben den allgemeinen Fragen, auch der Fortschritt und die Blutwerte der vergangenen drei Monate besprochen – bei mir die letzten zwei Monate.
Teil dieser Blutwerte ist der berühmte HbA1c-Wert, der von allen Diabetikern sehnsüchtig erwartet und (oftmals) gefeiert wird. Warum? Das möchte ich euch heute etwas näher erklären.

Zu Beginn ist (mal wieder) ein kleiner Exkurs in die Wissenschaft …
Ein wichtiger Bestandteil der roten Blutkörperchen ist Hämoglobin (Hb), manche kennen ihn vielleicht unter der Bezeichnung „roter Blutfarbstoff“. Warum ist er so wichtig? Er ist für den Sauerstoff-Transport im Körper zuständig, da er den Sauerstoff bindet und von der Lunge zu den Organen transportiert. Wenn sich nun Glukose (Zucker) an das Hämoglobin hängt, wird aus dem Ganzen HbA1c. Und mit dem HbA1c-Wert kann man nun herausfinden, wie viel Hämoglobin „verzuckert“ ist. Vielleicht kennt ihr den Ausdruck „Langzeitzucker“? Genau das ist er!
Da diese Körperchen in der Regel nur drei Monate leben, misst man diesen Wert in einem Abstand von acht bis zwölf Wochen.

Bei euch „Normalos“ befindet sich der Wert um die 5% – also sind bei euch ca. 5% der Hämoglobinmoleküle verzuckert. Für Typ-1-Diabetiker wird ein Wert unter 7,5% empfohlen – für Typ-2’er gilt zwischen 6,5 – 7,5%. 
Jetzt wollt ihr bestimmt meinen Wert wissen, oder? 
Na gut, ihr solltet ihn schon auf dem Titelbild gesehen haben – aber ich will es nochmal extra betonen: 7% !!!

Umso höher der HbA1c-Wert, desto öfter und länger waren die Blutzuckerwerte erhöht. Aber! Ein guter Wert bedeutet nicht automatisch, dass die Blutzuckerwerte überwiegend normal waren. Wenn sich erhöhte und erniedrigte Werte häufig abwechseln, kann das ebenfalls zu einem guten Mittelwert führen. Ich war am Anfang noch relativ hoch (im 200 – 300er Bereich) und hatte danach sehr häufig eine Hypo (60-50mg/dL). 

Bei meiner Einlieferung ins Krankenhaus lag mein Wert bei … 12,9%. Krass, oder? Nüchtern war mein Blutzucker auch bei kurz unter 500mg/dL – „normal“ ist hier ein Wert bis 120mg/dL. 

Es hat sich also vieles geändert und ich bin ja schon irgendwie stolz auf mich. Ich hätte auch niemals gedacht, dass man sich so sehr über eine Zahl freuen kann – habe mich auch oft gewundert, als ich auf Instagram Posts über den HbA1c-Wert sah. Und jetzt bin ich selbst so jemand 😀 

Als bereits 2016 ein erhöhter HbA1c-Wert bei mir entdeckt wurde, lag er bei 6,1% – mir wurde damals gesagt, das sei nicht weiter dramatisch und nicht auffällig. Ich bekam kurz gesagt, dass ich gesund essen soll und dann „wird das wieder“. Dass es bereits ein Anzeichen für ein Diabetes war, wurde nicht ernst genommen. Also, fragt bei eurem nächsten Blutbild doch mal nach eurem Wert und checkt euch selbst 😉 . 

Mich würden natürlich eure letzten HbA1c-Werte interessieren. 
Was ich mich für die Zukunft für ein Ziel setze? Auf jeden Fall unter die 7% – aber bitte ohne Stress! Innerhalb so kurzer Zeit von 12,9 auf 7,0 ist schon eine ordentliche Leistung! Sobald ich körperlich fit bin und Sport machen kann, erhoffe ich mir doch locker eine 6,.. 🙂

Aktueller Zustand: Ich verbiete mir weniger Essen – die Hilfe durch den Psychotherapeuten zeigt also Wirkung! Es tut einfach so gut, jemanden an der Seite zu haben, der sich damit wirklich auskennt und einem Tipps geben kann. 
Mein aktuelles Problem sind meine Beine. Das Wort Mononeuropathia multiplex oder Polyneuropathie nimmt aktuell den Großteil meines Lebens ein. Zunächst war es nur ein Taubheitsgefühl und Kribbeln, jetzt habe ich Krämpfe und „blitzartige“ Zuckungen an/in den Füßen. Jetzt wird einiges an Medikamenten ausprobiert – ich hoffe, das geht wieder alles weg…

Ich werde zum Mathe-Ass

Heute soll es mal etwas theoretischer werden, da ich zu diesem Thema die meisten Fragen bekomme. Ich packe einen Schokoriegel aus und bekomme sofort die Frage zu hören: „Ja, darfst du das jetzt überhaupt noch? Du musst doch aufpassen was du isst! Wie machst du das denn jetzt?“ 
Ja, ich darf alles essen. Wie schon in meinem Beitrag „Nutella-Verbot“ erwähnt, gelten für mich keine direkten Verbote. Wie der leitende Doktor der Notaufnahme sagte: „Einem Typ 2 Diabetiker würde man jetzt McDonalds verbieten und ins Fitnessstudio schleifen. Sie dürfen sich die Pommes noch gönnen.“ Na, das lass ich mir natürlich nicht zweimal sagen!

Aber fangen wir mal ganz am Anfang an. 
07:30 Uhr – der Wecker klingelt. Also raus aus der Koje und den Blutzucker messen. Pikser in den Finger, fünf Sekunden warten uuund … 210mg/dL – Mist. 
(Side Note: Tagsüber sollte mein Zucker immer im Bereich um 120mg/dL liegen.)
Ab in die Küche und überlegen, was ich nun frühstücken möchte. Aktuell besteht es großteils aus Eiweißbrot, Nutella, Marmelade. Und dann fängt quasi der nervige Teil dieser Krankheit an – das Rechnen. Würde mich mein alter Mathelehrer (Herr W.) so sehen – ha! Der würde Augen machen. Ich fühle mich nach zwei Wochen ja schon wie ein Mathe-Ass.
Wie bereits erwähnt, abhängig von meinen Mahlzeiten muss ich mehr oder weniger spritzen. Dazu kommt dann noch die Korrektur meines Blutzuckers.

Lasst es uns mal gemeinsam durchrechnen:
Mein Blutzucker (BZ) steht aktuell bei 210 – das Ziel wäre 120. Ich muss in 1:40er Schritten korrigieren, was bedeutet: ab einem Wert von 160 muss ich zusätzlich eine Einheit rechnen, ab 200 zwei Einheiten und so weiter … wir stehen heute morgen bei 210, also zusätzliche drei Einheiten – UNABHÄNGIG was ich nun esse. Und hier erklärt sich schon, warum ich essen kann „was ich will“ – ich müsste jetzt sowieso spritzen. Ob ich mir drei Weizenbrötchen reinziehe, oder nur einen Kaffee trinke, die Korrektur muss ich spritzen – ich komme nicht drum herum. 
Merken wir uns also für die Korrektur schon einmal 3 Einheiten.

 

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100 gr Eiweißbrot haben 15 gr Kohlenhydrate

 Ich möchte heute nur zwei Scheiben essen (was für eine unrealistische Annahme …), zücke die Küchenwaage und wiege ab. Manchmal stehen die Angaben pro Scheibe bereits auf der Packung, manchmal nicht. Circa 80 gr Brot sind es – Dreisatz! 

100 gr = 15 gr KH
1 gr = 0,15 gr KH
80 gr = 12 gr KH 

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Weiter zum Nutella … 

100 gr = 57,5 gr KH
15 gr (eine Portion) = 8,6 gr KH

 

 

 

Und jetzt die Marmelade! Mist … die hat Oma ja selbstgemacht. Keine Angaben über Zucker, geschweige denn Kohlenhydrate. Und nun? Ja, dieses Problem werde ich jetzt wohl öfter haben, dass ich einfach keine genauen Angaben über das Essen habe. Hier habe ich im Moment noch die größten Probleme. Das bessere Einschätzen gewisser Lebensmittel kommt wohl eher mit der Zeit, aber was wenn man überhaupt keine Informationen hat? Ausprobieren und schauen was passiert. 
Da meine Oma weniger Zucker verwendet als die üblichen Supermarkt-Marmeladen besitzen, setze ich die Portion auch weniger an. Aber unterschätzt das Obst nicht!

Eine Portion setze ich ungefähr mit 3 gr KH an.

Zusammen macht es also: 12 gr (Brot) + 8,6 gr (Nutella) + 3 gr (Marmelade) 
Die Butter (die unter Nutella NICHT fehlen darf!) ignoriere ich, da es überwiegend nur Fett ist und keinen Einfluss auf meinen BZ-Spiegel hat.
23,6 gr Kohlenhydrate hat mein kleines Frühstück, damit ich auf die Kohlenhydrat-Einheiten (KE) komme, muss ich das Ergebnis nun durch zehn teilen
→ ~ 2,4 (2,36 aufgerundet)

Schön wäre es, wenn wir jetzt fertig sind. Leider nein … 
Ich habe sogenannte Faktoren, mit welchen ich mein Essen multiplizieren muss. Unterschiedlich zur Tageszeit bzw. Biorhythmus nimmt der Körper das Insulin besser/schlechter auf bzw. benötigt mehr/weniger, um den Zucker zu verarbeiten.
Aktuell sind meine Faktoren 1,5 für tagsüber und für spätabends/nachts 1,0 . 

2,4 * 1,5 = 3,6 Einheiten, die ich allein für das Essen spritzen muss. 
Es gibt Insulin-Pens, die können solche 0,5 Zwischenschritte spritzen, meiner kann nur ganze Schritte, also muss ich dementsprechend auf oder ab runden. 

Kommt ihr noch mit? Gleich geschafft … 
3,6 würde ich aufrunden, also werden es 4 Einheiten für das Frühstück + 3 Einheiten Korrektur. Macht gesamt 7 Einheiten Insulin für mich, damit mein Körper das Frühstück möglichst gut verarbeiten kann und zusätzlich der erhöhte BZ-Spiegel wieder in den Normalbereich kommt.

Puuuh … klingt vielleicht aufwendiger, als es letztendlich ist. Mit der Zeit bekommt man eine Routine, mittlerweile kenne ich viele Werte schon auswendig und muss diesen Dreisatz nicht mehr rechnen. So funktioniert es zumindest, wenn ich daheim esse. 
Im Restaurant wird das Ganze dann etwas aufregender – da habe ich leider keine Nährwerttabelle bei mir und auch keine Küchenwaage 😀
Wie ich in solchen Situationen handle, und mit was ich dann konfrontiert werde, spreche ich in einem neuen Beitrag an. 

Dankeschön für das Durchhalten und Lesen 🙂 Ich hoffe, die meisten sind jetzt nicht noch verwirrter als zuvor und ihr konntet einen Einblick in meine „Essensroutine“ bekommen. Was meint ihr, würdet ihr euch schwer damit tun? Was denkt ihr sind die Vor- und Nachteile? Ich bin neugierig auf eure Meinungen! 🙂

PS.: Danke an die Mathelehrer meiner Vergangenheit, Herr W. und Frau F.  Ihr habt immer an mich und meine Fähigkeiten geglaubt, ohne euch wäre das Alles niemals möglich gewesen.   *Ironie aus*

Aktueller Zustand: Nach mehreren guten Tagen, ist mein BZ-Wert die letzten Tage ein wenig höher. Woran das liegt weiß ich noch nicht so recht. Aktuell probiere ich unterschiedliche Sachen aus und warte ab, wie mein Zuckerwert so darauf reagiert.
Die Ärzte sind mehr als zufrieden mit mir und meiner Entwicklung in der kurzen Zeit. Allerdings gibt es für mich gute, wie aber auch schlechte Tage. Ich denke, dass das normal ist und selbst nach Jahren mit der Krankheit es immer noch bergauf und bergab gehen kann. Die Essenssituation außerhalb meiner Wohnung überfordert mich dennoch sehr und ich fühle mich als würde ich in der Luft hängen. Dann passiert es, dass ich keine Lust zum Essen bekomme und mich am liebsten auf der Couch verkriechen möchte. Zum Glück bin ich nicht alleine und mein Umfeld gibt mir viel Kraft – und das sollte man sich immer vor Augen halten. Man ist auf dieser Welt nicht alleine.

 

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Mein Lebensretter ♥